Ein Mann für das realistische Erzählen ist Georgi Gospodinov wirklich nicht. Zitate, popkulturelle Anspielungen, Verschachtelung, Gedankenspiele – davon wimmelt es in seinen Büchern nur so. Sein neuester Roman heißt „Die Physik der Schwermut“ und spielt mit Gospodinovs eigener Biographie, mal wieder, mal wieder total verrückt.


Der 1968 im bulgarischen Jambol geborene Schriftsteller wurde international bekannt durch das Werk „Natürlicher Roman“ (2001), eine freche, selbstreferentielle Hommage an die Postmoderne, ein Kaleidoskop, das von einem Georgi Gospodinov erzählte, der von seiner Ehefrau betrogen wurde, mit Verweisen auf Quentin Tarantino und Empedokles. So kreativ, wild und spielfreudig, dass das Werk mittlerweile in siebzehn Sprachen übersetzt ist, was Gospodinov zu einem der meistübersetzten bulgarischen Autoren nach 1989 macht. Insgesamt ist Gospodinov dann auch noch in vielerlei Textsorten unterwegs: Er schreibt an Drehbüchern und Theaterstücken, hat Gedichtbände und Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht, arbeitete an einer Dissertation. Und nun das: Eine erneute Kindheitserinnerung?


Wenn das keine Urszene für ein Familientrauma ist! Der kleine Georgi, 12 Jahre alt, wagt sich 1925 zum ersten Mal allein auf den Jahrmarkt in einem bulgarischen Städtchen. Lutscher, Bären, ja Pythonschlangen… all das kann ihn nicht locken. Stattdessen gibt er sein kleines Taschengeld aus, um ein Zelt betreten zu dürfen, in dem ein verwachsener Junge zur Schau gestellt wird. Georgi nimmt in ihm eine Sagengestalt wahr.


„Der Minotauros sitzt auf dem Hocker, mit dem Rücken zum Publikum. Der Schock kommt nicht daher, dass er wie ein Untier aussieht, sondern dass er irgendwie ein Mensch ist. Gerade das Menschliche lässt einen erstarren. Sein Körper ist der eines Jungen, genau wie meiner. Erste Behaarung an den Beinen, lange Zehen, wer weiß, warum ich erwartet hatte, Hufe zu sehen.“

Georgi kehrt stockstarr heim, stumm für lange Zeit, unfähig, etwas anderes zu sagen als „Muhhh“. Gospodinov demonstriert sinnlich und ergreifend, wie ein Mythos – nämlich der vom im Labyrinth eingesperrten Minotauros – Georgis Lebenserzählung wird. Er erlebt fortan immer wieder, wie es ist, eingesperrt und verloren zu sein: Als Junge wird er einmal von der Mutter in einer Mühle vergessen; als Soldat überlebt er während des Zweiten Weltkriegs in einem Keller.

Doch Stopp! Hier müssen wir nochmals neu anfangen. Denn der Icherzähler ist eigentlich ein anderer Georgi, nämlich ein späterer Enkel des traumatisierten Georgi. Dieser jüngere Georgi hat die seltsame Fähigkeit, mittels einer übersteigerten Empathie die Erinnerungen anderer Menschen noch einmal zu durchleben. So blicken wir durch ihn wiederum durch die Augen des Großvaters Georgi, der Großmutter, der Großtanten, des Vaters und vieler anderer. Einen einzigen Erzählfaden gibt es in diesem wilden Hin und Her nicht, sondern:

„Eine Geschichte mit Stichgängen, Fäden, die reißen, blinden Flecken und offensichtlichen Nichtübereinstimmungen. Je unwahrscheinlicher sie scheint, desto mehr glaubst du ihr.“

Eben wie das Labyrinth des Minotauros. Es ist das ästhetische Vorbild für Gospodinovs Erzählprinzip. Und auch inhaltlich führt dieser Mythos bald ein hungriges Eigenleben: Großvater Georgis Trauma wiederholt sich im Leben des jüngeren Georgi. Oder verändert der Mythos nur im Nachhinein die Erinnerung? Das bleibt unentschieden. Mythos und Biographie verschränken sich in diesem Buch äußerst faszinierend.

Der spätergeborene Georgi ist längst ein alter Mann, als er das Leben seiner Vorfahren und sein eigenes erzählt: Seine Kindheit in den 70ern, als er, wie der Minotauros, als Einzelkind tagsüber in der Kellerwohnung von seinen berufstätigen Eltern zurückgelassen wurde; seine Jugend in den 80ern, ein einziges Gewölbe der Langeweile mit Discohöhlen als einzigem Höhepunkt.  Wer eine Zeitreise in das kommunistische Bulgarien wünscht, hier erhält er sie.

„Weil das Tamagotchi ebenfalls Geld kostete, tauchte ein Tamagotchi für Arme auf. Und wisst ihr, wie das aussah – eine Küchenschabe in einer Streichholzschachtel. Das war’s.“

Die Politik ist nur am Rande Thema. Schließlich bedeutet die Physik der Schwermut, fast naturwissenschaftlich alle Gründe für die Melancholie am Lebensende zu erkunden, vom Gesellschaftssystem bis zur Familiengeschichte. Nur merkt Georgi, dass er noch melancholischer wird, wenn er sich seine Biographie so atomar zusammenstückelt. Eine Epoche zu rekonstruieren, das sei eben schwierig, aber je kleiner der gewählte Ausschnitt, desto exakter seine Rekonstruktion, heißt es einmal. Das zeigt uns Gospodinov in den abwegigsten Szenen. Zum Beispiel, wenn der Großvater einmal eine schleimige Schnecke gegen Magengeschwüre schluckt – natürlich geschildert aus der Schneckenperspektive!

„Es ist eng, dunkel und stickig, klaustrophobisch, als würden sich die Wände der Höhle zusammenziehen und mich zerquetschen. Aber das Schlimmste ist eine merkwürdige Flüssigkeit, die die Wände selbst über mich ausschütten, und es beginnt zu brennen. Ich habe keine Kraft mehr, mich zu bewegen, wie in einem Alptraum, in dem du immer langsamer und langsamer wirst …“

Gospodinovs Ästhetik ist der lustvolle, groteske Exzess; der ideale Schriftsteller scheint ein quasi telepathischer Mitfühler: An anderer Stelle klinkt sich der Icherzähler Georgi in Föten, Oliven oder Wolken ein. Alles will er manisch in seinen Bericht einbeziehen, auch soziale Netzwerke im Internet, dort seien die Stationen der Biographie ja handlich konserviert wie der Minotauros im Labyrinth! Doch das stiftet alles trotzdem keine Ordnung.

„Zwischenzeitlich kommt Facebook auf, eine neue Zeitkapsel. Jetzt bist du halb Mensch, halb Avatar, eine besondere Art von Minotauros, nein, ein Minoavatauros. Ich habe mich ablenken lassen, das macht Facebook, es lenkt ab.“

So manche Textsorte schmuggelt Gospodinov in seinen „Roman“: Feuilletonistische Schnipsel, wie eben gehört; oder Briefe seiner Jugendliebe. Die hatte er bis jetzt noch nicht mit seiner Überempathie infiltriert und holt das spät nach. Einige Listen gibt es zu lesen, zum Beispiel von Antworten auf die Frage „Wie geht’s?“. Diese Buntheit ist Programm:

„Die reinen Genres interessieren mich nicht besonders. Der Roman ist kein Arier […].“

…heißt es einmal. Die Sprache soll die Erinnerung zusammenhalten – aber die Listen wirken zusammenhanglos, die Liebesbriefe hat die Freundin aus der Literatur zusammengeklaut. Somit steht die Sprache nur für Lüge und Chaos. Die Wahrheit verflüchtigt sich in der Erinnerung, verschwindet im Labyrinth wie das unschuldige, verwachsene Kind, das alle von Ovid bis Dante zum Monster machen. Der Minotaurosmythos stehe geradezu für eine Ursünde der Menschheit, beklagt Georgi in eingeschobenen Gerichtsplädoyers und Essays.

„Die Geschichte einer Familie kann auch als eine Geschichte im Stich gelassener Kinder beschrieben werden. Die Geschichte der Welt ebenfalls.  […] Die zurückgelassenen Hänsel und Gretel, das hässliche Entlein, […] In dieser Reihe stehen, wenngleich ohne Legende im Rücken, alle – irgendwann einmal und jetzt – Zurückgelassenen und alle, die man noch zurücklassen wird. Aus der Krippe des Mythos gefallen, wollen wir sie hier unterbringen, in dieser Herberge von Wörtern, ihnen die frischen Betten der Geschichte machen, ihre verfrorenen Seelen zudecken.“

Gospodinov schildert im Buch die aberwitzigsten Versuche, Erinnerungen zu bergen: Ein Jugendfreund zwingt als Diktator eine ganze Stadt dazu, wie vor 30 Jahren zu leben, um ein riesiges Museum des Kommunismus zu bilden. Glücklicherweise gelingt Gospodinov eine äußerst leichthändige Sprache, eingängig übersetzt von Alexander Sitzmann. Anders ließen sich die tolldreisten Volten der zweiten Buchhälfte kaum aufnehmen, die mit ihren Ausflügen in die Quantenphysik zerfleddert wirkt. Aber keine Sorge: Der Erzähler sammelt alle Verwirrten zwischendurch ein.

„Wollen wir hier auf die Seelen der zerstreuten Leser warten. Jemand könnte sich verlaufen haben in den Gängen dieser verschiedenen Zeiten. Sind alle aus dem Krieg zurückgekehrt? Und vom Jahrmarkt im Jahre 1925?“

Im Mittelteil überbordend schöpferisch, gerät das Buch zum Ende hin nachdenklicher. Erst jetzt fällt auf: Es geht um die Stationen eines Menschenlebens, von der Kindheit bis zum Greisenalter, durchexerziert allerdings an verschiedenen Figuren. Meisterhaft zu schildern, wie die Zeit über uns hinwegrollt, das macht Gospodinov endgültig zu einem literarischen Genuss.

„Kindheit und Jugend sind voller Verben. Es hält dich nicht an einem Ort. Alles in dir wächst, sprudelt hervor, entwickelt sich. Später werden die Verben allmählich durch die Substantive des mittleren Alters abgelöst. Kinder, Autos, Arbeit, Familie – die substanziellen Dinge der Substantive. Das Altern ist ein Adjektiv. Wir treten in die Adjektive des Alters ein – langsam, uferlos, neblig, kühl oder durchsichtig wie Glas.“

Sogar mehrere Enden erzählt Gospodinov, auch für den Mythos: Anstatt, dass Theseus das Ungeheuer tötet, wandert er, mit dem Stiermensch ins Gespräch vertieft, durch das Labyrinth. Ein Plädoyer, dem Weggesperrten in unserer Biographie mehr Auslauf zu gönnen. Ein postmoderner Schabernack über das Mischwesen Minotauros: Es ähnelt uns Zurückschauenden, es berührt uns Herumirrende. Und es ist keine Kopfgeburt, so wenig wie dieser Roman.

Georgie Gospodinov: „Die Physik der Schwermut“ ist in der Übersetzung von Alexander Sitzmann im Literaturverlag Droschl erschienen. 331 Seiten kosten 23 Euro.

Für SWR2 Forum Buch.