Die jüdisch-christliche Kultur sei unwiderruflich im Niedergang begriffen, sagt Michel Onfrays wütende Polemik. Vielleicht aber ist Onfrays Kulturbegriff einfach zu schwammig.

Der 1959 geborene Autor und bekennende Atheist zählt eigentlich zu den bekanntesten Philosophen in Frankreich; mehr als 50 Bücher, viele davon Bestseller in mehreren Sprachen, hat er verfasst. Das neue Buch aber irritiert:

Von literarischen Autoren sagt man oft, sie schrieben letztlich an einem Lebensthema in unendlich vielen Variationen. Irgendwie gilt das auch für Michel Onfray, den das Schicksal als Schüler einst in eine katholische Lehranstalt zwang und der seine Promotion teilweise über Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ schrieb. So führt das neue Buch beide Pole von Leben und Werk Onfrays bis dato zusammen, und das auf höchst ambivalente Weise. Einerseits diagnostiziert Onfray den Niedergang der jüdisch-christlichen Kultur betont kühl – jede Kultur stürbe halt – , andererseits sind die Seiten durchwirkt von klammheimlicher Untergangsfreude.

Von Jesu Tod bis heute skizziert Onfray dabei die Schlaglichter des Aufstiegs und Niedergangs. Der begann, wenig überraschend, in der Renaissance, mit Individualismus, Wissenschaft, Vernunft – und verstärkte sich angeblich schon 1789 durch den, ja, Tod Gottes. Heute versetze der islamische Terrorismus einem verweichlichten Abendland den Todesstoß.

Das Buch streift also die unterschiedlichsten Gedankengebäude: christliche Konzilsbeschlüsse, den Nihilismus in der Kunst, Faschismus, Strukturalismus, die falsch verstandene politische Korrektheit ab ´68. Das heißt leider: viele Quellen, viel Polemik, wenig aufrichtiges Für und Wider.

Zum Beispiel schon bei der Ausgangsthese: Viele Religionshistoriker schließen aus der dürftigen Quellenlage über Jesus und aus den vielen Reprisen aus dem Alten Testament schlicht, dass die Evangelisten Jesus überdeutlich als den Messias ausweisen wollten. Michel Onfray jedoch entscheidet sich hier für die feixendste Interpretation: Jesus sei frei erfunden! Das körperfeindliche Christentum lässt sich damit als besonders neurotisch brandmarken, weil es sich auf einen nicht-existenten Leib bezieht: eine Kopfgeburt statt einer Jungfrauengeburt! Solche Thesen recyclet der Autor mitunter aus früheren Werken, etwa auch seine vernichtende Kritik an Paulus.

2000 Jahre Kultur nun zusammenbinden zu wollen, ist sehr gewagt.

Ein scharfer Kulturbegriff fehlt zuallererst. Das antike Griechenland als Säule des Abendlandes – oder des Westens?! – fällt im Grunde unter den Tisch.

Dann fasst Onfray hier Aufklärung und Säkularisation unter diese jüdisch-christliche Tradition, natürlich als Niedergangsphänomene; dabei könnte man ebenso argumentieren, dass aus den Ruinen des Christentums die naturwissenschaftlich-technische Zivilisation erwächst: als etwas gänzlich Neues, Globales, Rationales, von den Fesseln der Irrationalität Befreites. Onfray jedoch erkennt statt eines gesunden Skeptizismus hier plötzlich nur Dekadenz.

Zu guter Letzt sieht Onfray terroristische Attentate als Beweis einer Überlegenheit des Islam über die jüdisch-christliche Kultur: Denn Muslime würden noch für ihren Glauben sterben wollen. Es ist seltsam, dass Onfray hier 2000 Jahre Metzeleien überblickt und terroristische Nadelstiche – denn das sind die Attentate im Vergleich zu Religions- und Weltkriegen! – zu finalen Schlachten aufbläst. Andere Kulturräume wie China oder Indien kommen überdies kaum vor.

Die Niedergangsthese ist deshalb fragwürdig, grotesk und reißerisch. Lässt man sie einmal beiseite, so vermittelt das Buch eine viel wichtigere, grundlegendere Botschaft: Wie unglaublich anfällig Denker, Eliten, Religionen, ja, ganze Gesellschaften für übersteigerten Theorie-Murks sind.

Da zeigt sich Onfray nämlich von seiner erfrischend unkonventionellen Seite: Er zeichnet den wild galoppierenden Theologie-Wahnsinn der frühen Christen nach. Er blickt hinter die Beweihräucherung der Französischen Revolution und erkennt dort die Blaupause für die kommunistischen und nationalsozialistischen Genozide; er nennt die Intellektuellen von St. Germain-des-Près „mariniert in Marxismus“; er führt genüsslich aus, wie Michel Foucault die iranische Revolution lobte!

Kurzum: Als Abstiegsdiagnose äußerst wackelig, persönlich gefärbt, als Antidot gegen ideologische Irrwege in kleinen Dosen unbedingt einzunehmen!

Michel Onfray: Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden. Übersetzt von Enrico Heinemann und Stephanie Singh, erschienen im Knaus Verlag. 704 Seiten kosten 28 Euro.

Für die „Lesenswert Kritik“ in SWR2.